Montag, 6. Juni 2016

Um mich ist es still geworden, nicht ohne Grund


Ich versuche mal meine Empfindungen, Emotionen und mein Denken in Worte zu fassen. Das fällt mir üblicherweise sehr schwer. Ich habe mich mit einigen unterhalten, konnte daher Sichtweisen verstehen und nun auch endlich benennen. Es liegt an mir, Probleme und Verzichte sichtbar zu machen. Das bedeutet aber auch ganz offiziell dazu zu stehen und um Hilfe bitten. 

Warum ich bin wie ich bin?!
... nun weiß ich es und der Weg ist nicht nur steinig... 
er besteht aus riesigen Findlingen, die meine Füße aufschneiden!

Ich musste viel durchmachen. Mein Kopf ist kaputt, leer, ausgelaugt...
Jetzt mit 33... Diagnose: Hochbegabt (Inselbegabung) und ADHS…

Schule verkackt... Hauptschulabschluss nach Kl. 9 mit 4,4 Durchschnitt “abgeschlossen/abgebrochen“. Nichts gelernt, keine Ausbildung, vieles angefangen, kaum etwas zu Ende gebracht. Wären Diagnose und Therapien vor 27 Jahren schon gängiger gewesen... 

Da darf man nicht drüber nachdenken. Und doch denkt man... natürlich denkt man. Wenn ich alles so gut könnte wie denken. Wie soll ich mit diesen Informationen nun umgehen? 
Eigentlich bin ich doch ein kaputter Mensch!? 

Ich kann Reize nicht filtern. Das konnte ich noch nie, was mir allerdings erst im Erwachsenenalter klar wurde. Geräusche, Bewegungen, Lichter... alles landet in meinem Kopf. Mein Blickfeld nimmt alles wahr, alles hat gleichermaßen Bedeutung. Alles ist gleich wichtig und ich kann wichtiges nicht von unwichtigem unterscheiden. Entscheidungen treffen fällt mir generell sehr schwer und ich fühle mich ständig meinen Emotionen hilflos ausgeliefert. Unangenehme Aufgaben kann ich nicht einfach mal eben erledigen. Ich erlebe Pausenlos ein innerliches Drama in 5 Akten. Ich brauche immer Ablenkung, immer etwas zu tun um meine innere Unruhe im Zaum zu halten. Und dann ist da noch diese irrsinnige Impulsivität, die mir und meinen Kindern nicht gut tut. Am liebsten würde ich mich verkriechen und nicht wieder raus kommen.




Kann ich mit ADHS Leben (lernen)?
Ich möchte behaupten das ich nicht die Einzige bin, der es so ergeht.
Leute wie ich scheinen... (meiner persönlichen Meinung nach)
  • fast zwangsläufig im Beruf und/oder Privatleben zu scheitern,
  • werden suchtkrank und/oder depressiv,
  • überschulden sich,
  • entwickeln Adipositas oder Magersucht usw. 
Ich habe den Eindruck, dass ADHS selten als solche behandelt wird. Die Folgestörungen rücken so sehr in den Vordergrund, dass kaum jemand ADHS diagnostiziert. Auch bei mir wurden im Laufe meines Lebens viele Vermutungen geäußert... Borderline, Burn-out und verschiedene Depressionen (Schwangerschaftsdepressionen, Postpartale Depressionen...)

Und was denkt ein Großteil der Gesellschaft heute noch über ADHS?
Modekrankheit... sicher?
Ist es überhaupt eine Krankheit oder vielleicht sogar nur ein Stempel, eine Schublade und eine Ausrede um Kinder mit "Drogen" ruhig zu stellen weil unser System mit diesen Kindern nicht klar kommt? Auch ich dachte bis vor ein paar Jahren, das ADHS eine Masche der Pharmaindustrie sei...
So ein Scheiß! Mein Leben ist ein Trümmerhaufen. Meine Psyche ist verkorkst.
Jahrzehnte überlebt... So kann man es ausdrücken. Ich überlebe immer wieder. Immer am seidenen Faden. Immer wieder in Extremen, die mich aussaugen. Ohne meine Kinder wäre ich wahrscheinlich nicht mehr hier... Ich weiß nicht wer ich bin, was ich bin und was je aus mir wird.
Ich funktioniere nur, doch zu welchem Preis?


Krisen-Tagesklinik 

Kurzum: Warnsignale von Körper und Seele, Akkus entleert bis zum Totalschaden, etc. 

Ich befand mich in der Krisen-Tagesklinik (nicht im Kurzurlaub) und habe eine Liste von Diagnosen. Ich denke das zeigt sehr deutlich, dass der Bedarf hoch genug ist, sich jetzt mit Veteranen zu vernetzen, die solche Kämpfe schon hinter sich haben!? 

Warum ich so bin wie ich bin weiß ich nun, aber ich habe jetzt mehr Fragen als zuvor. In der Krisen-Tagesklinik kam noch “etwas“ dazu. Ich habe verschiedene Persönlichkeitsakzentuierungen in folgenden Bereichen: 
  • SCH Schizoide Persönlichkeitsakzentuierung 
  • BOR Borderline Persönlichkeitsakzentuierung 
  • IMP Impulsiv-explosible Persönlichkeitsakzentuierung 
  • DEP Dependente (Abhängige) Persönlichkeitsakzentuierung 
  • ZWA Zwanghafte (Anankastische) Persönlichkeitsakzentuierung 

Laut Klinik handle es sich nicht um Persönlichkeitsstörungen!
Mir wurde DBT wärmstens empfohlen. In einem Monat (vorausgesetzt es wird schnell noch ein Platz frei...) oder in 3 Monaten startet das nächste Programm. 


Bis dahin herrscht Alltag... 

Unser Alltag ist vollkommen ausgefüllt bis ins kleinste Detail, von 7-20 Uhr und der Haushalt ist in dieser Zeit nur anteilig mit drin. Ich bin Selbständig, 4 Kinder, Mann arbeitet im Schichtdienst und wir fahren einen 19 Jahre alten Twingo, der den nächsten TÜV wohl nicht überleben wird.
Ich denke, daran sieht man wie es um uns steht. 
Zeit ist Geld, Geld ist Luxus und Luxus kann ich mir nicht leisten. Luxus ... 
aber es geht nicht um Luxus, sondern ums Eingemachte. 

Da klingt jeder Tipp in Richtung Ausruhen, Ausgleich natürlich wie reiner Hohn.
Bei diesen Verhältnissen, sind die Diagnosen kein Wunder und nur der Anfang. Wenn ich mit letzter Kraft weitermache, klappe ich auf kurz oder lang komplett und übelst zusammen. 
Schlussendlich falle ich komplett aus und nichts ist vorbereitet. 
Krankenkasse, Jugendamt... Wir haben schon einiges versucht mit frustrierenden Ergebnissen... 
ABER...
Es geht bestimmt noch was, aber leicht ist es bestimmt nicht.
Vor allem nicht unter diesen Bedingungen, trotz unseres strukturierten Alltags...

Und was sagt uns das? Hier geht´s wieder von vorne los.



Kommentare:

  1. Meine liebe Jadie,
    ich wünsche dir ganz viel Kraft,
    denn die kannst du glaube ich am meisten gebrauchen.
    Mein großer Enkel (6) ist auch Hochbegabt, bei den beiden jüngeren
    weiß man es noch nicht genau, sieht aber auch so aus.
    Der Große hat nach 2 Wochen schon die erste Klasse übersprungen,
    weil es ihm einfach zu langweilig war.
    In der 2. Klasse ist er bei den Besten,
    auch wenn er hier mit Abstand der Kleinste ist,
    bei deinen Beschreibungen finde ich ihn wieder und hoffe,
    dass meine Tochter da früher Unterstützung bekommt.
    Sei ganz lieb gedrückt.
    Nähoma

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  2. Hi
    Du hast das sehr schön geschrieben
    Mir geht es auch so das es super schwer ist meine Gefühle und Empfindungen in Worte zu fassen. Ich bin froh das noch mehr Leute offen über das Thema ADS im Erwachsenenalter schreiben. Aufklärungsarbeit ist sehr wichtig. Denn leider sind die Vorurteile gegenüber ADS und die Medikamente so in die Köpfe Eingebrannt das es sehr schwer ist die Menschen vom Gegenteil zu überzeugen.
    Viel Kraft wünsche ih dir auf deinem weiteren Weg noch
    Glg Jana

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  3. Hallo Jadie,
    ich kann deine Gefühle sehr gut nachvollziehen. Wir haben 4 Kinder, drei davon mit ADS betroffen. Der älteste Sohn (21) hat wie du eine steinige Schulzeit hinter sich, Klassenbester in der 1. Klasse, rechnete bis über 100, sollte überspringen, Realschule gerade so gepackt, Ausbildung nicht bestanden, Tiefpunkt, da purer Frust, keine eigene Energie sich aufzuraffen. Er verweigert aber ein Medikament. Sein jüngerer Bruder akzeptiert seine Erkrankung und nimmt ein Medikament, welches bei ihm gut wirkt. Das Schlimmste ist aber tatsächlich, dass man ständig irgendwo aneckt, da man nicht in die Norm passt. Trotz dass wir in Schule und im Betrieb offen über die Erkrankung unseres Sohnes gesprochen haben, konnte man dort keine Unterstützung bekommen (es ist tatsächlich so, dass der Chef meines Sohnes uns sagte, dass es wohl eher Erziehungsprobleme statt einer Erkrankung wären, die sein scheinbar lustloses und manchmal konfuses Handeln erklären würden).
    Unser Sohn braucht viel Unterstützung, die er aber eigentlich verweigert. Er will keinen Arzt und alles was sich nach Psychologe anhört wird generell von ihm abgelehnt.
    Ich hoffe für dich und deine Familie, dass ihr einen Weg findet mit deiner Erkrankung umzugehen und das du für dich schnell Hilfe bekommst.
    Es ist natürlich schwer als Mutter von 4 Kindern, mit Job und Haushalt. Man ist damit ja eh schon überlastet und dann auch noch ADS! Aber ich wünsche dir, dass du den Mut nicht verlierst, und dass du von deinem Umfeld Unterstützung bekommst.
    Liebe Grüße!

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  4. Liebe Jadie,
    erst einmal meine Hochachtung vor deinem Mut.
    Deinem Mut, deines sehr persönlichen Post's, welchen ich jetzt erst lese.

    Ich wünsche DIR und deiner Familie alle Kraft, die ihr gerade braucht - und noch brauchen werdet. Vor euch allen liegt ein anstrengender Weg. Du wirst viel, sehr viel Kraft benötigen. Ich wünsche die Dir! Für dich und deine Umgebung.

    Sei mir gedrückt
    ♥liche Grüße
    Ellen

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  5. Liebe Jadie,
    ich bin gerade über Deine Infos gestolpert und ganz gefangen genommen worden. Ich finde so etwas immer enorm bedrückend.

    Es gibt viele Menschen, die diese Diagnose AD(H)S einfach abtun als Moderankheit. Leider gibt es auch viele Ärzte, die diese Diagnose zu schnell stellen.

    Ich wünsche Dir kompetente Ärzte, die Dich richtig einstufen und tollerante Menschen, die Dich akzeptieren,wie Du bist. Denn das ist, was jemand braucht, der an sich zweifelt: Menschen, die einen nehmen, wie man ist und die trotzdem an Dich glauben.

    Ich wünsche Dir für Dich und Deine Familie viel Kraft. Gehe Deinen Weg, damit DU zufrieden bist. Dann wird Dein Umfeld es auch sein. - Und die Anderen brauchst Du nicht :-) !

    Ganz liebe Grüße, Du schaffst das!!!
    Nicole

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  6. Liebe Jadie
    Bin heute auf deinem Blog gelandet und habe mich durch deinen Post gerade angesprochen gefüllt. Sollte ja eingentlich arbeiten, aber da fehlt momentan die Lust dazu und dann geht bei mir gar nichts... Typisch ADS halt.
    Aber: ADS hat durchaus auch seine positiven Seiten: Kreativität (genial was du auf deinem Blog schon alles gezeigt hast!), Spontanität, eine ungeheure Motivation und Schaffenskraft, wenns drauf ankommt um nur ein paar zu nennen.
    Seit der Diagnose (ist bei mir schon ein paar Jährchen her) kann ich mit meinen nervigen Seiten so langsam aber sicher besser umgehen, auch wenns nicht immer leicht ist. Aber bei wem ist es das schon?
    Geholfen haben mir da vor allem möglichst viel über ADS zu lesen (brauch aber eh zu jedem Thema ein Buch) und sonst darüber zu erfahren.
    Falls du magst, darfst du mich gerne kontaktieren und ich erzähl dir mehr.

    Liebe Gruess
    Sandra Ott

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