Sonntag, 25. September 2016

Ich werde nie erwachsen, nur älter.



Mir wurde immer gesagt wie ich zu handeln und zu denken habe. Ich dachte mein Leben lang, ich sei nicht “richtig“ oder mein Kopf wurde einfach falsch programmiert. Doch jetzt weiß ich, dass ich nie Schuld hatte und bin froh endlich eine Erklärung zu haben warum ich immer so war, warum ich immer so handelte. Warum ich bin wie ich bin.

Ich bin voller Energie und rede viel. Sage Dinge, die sich manche vielleicht denken, aber niemals aussprechen würden. Es ist mir nicht möglich einen einzigen zusammenhängenden Gedanken zu verfolgen und ich fühle mich meinen Emotionen hilflos ausgeliefert. Sie sprudeln ungefiltert aus mir raus und ich streite mich wegen Kleinigkeiten. Ständig bringen mich meine unzusammenhängenden Gedanken und Impulse dazu, mich unangemessen zu verhalten und uninteressante Aufgaben kann ich nicht einfach erledigen ohne ein innerliches Drama in 5 Akten zu durchleben.

Abläufe die andere automatisieren, funktionieren für mich nicht. Vom Zähneputzen bis zur Tagesstruktur, vom Termine einhalten bis zur Ordnung in der Wohnung. Bringt man mich aus meinem mühsam konstruierten System, stürzt mein inneres Kartenhaus in sich zusammen und nichts geht mehr. Geräusche, Bewegungen oder Lichter sind mir schnell zu viel, denn Reize kann ich nicht filtern. Entscheidungen fallen mir unheimlich schwer, weil ich wichtiges nicht von unwichtigem unterscheiden kann. Ständig verschwinden Dinge auf mysteriöser Weise und tauchen z. B. in der Handtasche wieder auf. 

Gesprächen folgen ist mir nur unter höchster Anstrengung möglich. Ich rede oft am Thema vorbei, unterbreche andere oder packe während eines Gesprächs mein Handy aus, weil mein Kopf woanders ist. Und dann der ständige Vorwurf: Hast du gehört was ich gesagt habe? Hast du es immer noch nicht verstanden, das ist doch nicht so schwer! Merk dir das doch endlich mal! Du bist nicht dumm, du bist nur faul... Ein tägliches, stündliches Mantra. Ich könnte ein Buch darüber schreiben.

Immer wieder wurde mir wie einer Idiotin erklärt, was ich sowieso wusste. Dabei liegt es ja nicht daran das ich die Zusammenhänge nicht verstanden hätte. Ich muss sie nur...
mist, ich habe vergessen die Wäsche zu... warum brüllt der denn so?
Ein Gedanke schiebt sich in den anderen. Ohne Pause. Immer. In jeder Lebenssituation. 

Tag ein, Tag aus. Mein Leben mit ADHS.

Es liegt an mir, Probleme und Verzichte sichtbar zu machen. Das bedeutet aber auch ganz offiziell dazu zu stehen.
Zuerst nutzte ich den Blog Jahre lang als Nähblog, allerdings habe ich in den letzten Monaten (Jahren) kaum noch Zeit zum nähen oder schaffe es einfach nicht Genähtes zu fotografieren und hochzuladen. Mein Kopf machte immer weniger das, was ich von ihm verlangte. Motivation wurde immer mehr ein Fremdwort, welches ich nicht mehr fähig war zu nutzen. Ich konnte nicht mehr reagieren wie ich es wollte und schließlich ging dann gar nichts mehr.

BurnOut, Depressionen... was auch immer. Die Antidepressiva halfen nur bedingt und einen Therapeuten fand ich nicht. Wie immer kam mir dann meine Demotivation in die Quere. Ich suchte nicht weiter. Der Stress wurde immer mehr. Innerlich wusste ich, das etwas nicht stimmt. Eigentlich weiß ich das schon mein ganzes Leben lang... aber was ist es? Warum bin ich wie ich bin?!

Dann mit 33 Jahren...
Diagnose: ADHS und Hochbegabung (Inselbegabung)

Ich traute meinen Ohren nicht. Ich habe meinen Schulabschluss nach der neunten Klasse abgeschlossen, bzw. abgebrochen. Nichts gelernt, keine Ausbildung, vieles angefangen, kaum etwas zu Ende gebracht. Wo um Himmels Willen soll denn in meinem Hirn diese angebliche Brillianz stecken?

!?

Nun stellt sich die Frage... kann ich noch mit ADHS Leben (lernen)?
Werde ich es je schaffen mich zu verstehen und mit mir "gerecht" umzugehen?

Entweder hoch motiviert, begeistert und energiegeladen bei interessanten Tätigkeiten oder kraftlos, unkonzentriert und verstimmt bei uninteressanten Tätigkeiten. Häufiger Berufswechsel, Chaos im Haushalt und Beziehungskrisen sind oft die Folge. Um sich selbst besser verstehen und die nötigen Schritte zu einer Veränderung gehen zu können, braucht es in erster Linie Informationen, was die Aufmerksamkeitsdefizit/-Hyperaktivitätsstörung ist und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt. 

Dazu entsteht im Kreis Unna eine Selbsthilfegruppe für betroffene Erwachsene, Angehörige und Interessierte. Wir informieren und tauschen Erfahrungen mit unserer AD(H)S und ihrer Begleiterkrankungen (komorbide Störungen) aus.

Voraussichtlich am 04. Oktober 2016, um 20:00 Uhr wird das Gründungstreffen der Selbsthilfegruppe für Erwachsene mit der Aufmerksamkeitsdefizit/-Hyperaktivitätsstörung stattfinden. Alle Interessierte und Betroffene sind herzlich dazu eingeladen. Nähere Informationen dazu kommen noch, sobald wir die 100%ige Zusage für die Räumlichkeiten haben.

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